Hormus, das Rote Meer und Somalia zeigen derzeit besonders deutlich, wie verwundbar globale maritime Verbindungslinien sind. Im Gespräch mit WELT TV ordnet Dr. Moritz Brake ein, wie maritime Abhängigkeiten als politisches Druckmittel eingesetzt werden, warum sich unterschiedliche Sicherheitsrisiken entlang zentraler Seewege überlagern – und welche Konsequenzen daraus für Deutschland und Europa entstehen.

Maritime Abhängigkeit als politischer Hebel

Die Sondergenehmigung Irans für irakische Öltanker in der Straße von Hormus ist aus Brakes Sicht mehr als eine operative Ausnahme. Sie verdeutlicht, wie der Zugang zu zentralen Seewegen genutzt werden kann, um politischen und wirtschaftlichen Einfluss auszuüben.

Schiffe, die entsprechende Vereinbarungen treffen, müssen sich dabei für iranische Stellen besonders transparent verhalten und festgelegten Vorgaben folgen. Maritime Abhängigkeit wird damit selbst zu einem Instrument politischer Kontrolle.

Hormus bleibt ein Engpass

Trotz einzelner Schiffspassagen sieht Brake keine Rückkehr zum normalen Verkehrsaufkommen in der Straße von Hormus. Der Schiffsverkehr sei gegenüber dem Niveau vor Beginn des Konflikts massiv zurückgegangen.

Damit bleiben die Folgen weit über die Region hinaus relevant. Unsicherheit an einem der wichtigsten maritimen Nadelöhre wirkt sich unmittelbar auf Handel, Lieferketten und Energieversorgung aus.

Mehrere Bedrohungen entlang derselben Route

Die Straße von Hormus ist dabei nur ein Teil des Problems.

Im Roten Meer besteht weiterhin die Gefahr durch Angriffe der Huthi aus dem Jemen. Gleichzeitig verweist Brake auf eine erneute Zunahme somalischer Piraterie.

Damit treffen entlang einer zentralen Handelsroute unterschiedliche Formen maritimer Unsicherheit aufeinander: staatlicher Druck, militärische Angriffe und Piraterie.

Hier sehen wir wie im Brennglas, wie sehr maritime Verbindungslinien gefährdet sind.

Für Europa ist das keine entfernte regionale Krise. Brake verweist darauf, dass der überwiegende Teil des Welthandels über See transportiert wird. Störungen dieser Verbindungslinien betreffen deshalb unmittelbar auch die europäische Wirtschaft.

Piraterie ist nicht nur eine Polizeiaufgabe

Aus deutscher Sicht ergibt sich daraus eine weitere Konsequenz.

Piraterie wird häufig als kriminalpolizeiliches Problem betrachtet. In Regionen, in denen Schiffe gleichzeitig mit Raketenbeschuss, bewaffneten Gruppen und staatlichen Akteuren konfrontiert werden können, greift diese Betrachtung jedoch zu kurz.

Eine Einheit, die Piraterie bekämpft, muss zugleich mit militärischen Bedrohungen umgehen können. Für Brake ist der Schutz solcher Seewege deshalb eindeutig eine Aufgabe moderner Marinen.

Maritime Resilienz braucht maritime Fähigkeiten

Deutschland und Europa sind auf sichere maritime Verbindungslinien angewiesen. Daraus folgt die Notwendigkeit, maritime Fähigkeiten über das gesamte Einsatzspektrum hinweg auszubauen – von der Abwehr militärischer Bedrohungen bis zur Pirateriebekämpfung und Sicherung der internationalen Schifffahrt.

Die Entwicklungen rund um Hormus, das Rote Meer und Somalia zeigen damit ein grundsätzliches strategisches Problem: Europas wirtschaftliche Lebensadern verlaufen über See. Ihre Sicherheit kann nicht als selbstverständlich vorausgesetzt werden.